Innenansichten einer Haftanstalt
Stefan Gerhard zur Ausstellung
Die Fotografien von Kerstin Zillmer geben Einblick in die Bedingungen eines Lebens in Unfreiheit. In dokumentarischen Sachaufnahmen zeigt die Fotografin Raumansichten, Ausstattungen, Dekorationen und Details, die Aufschluss darüber geben, wie Menschen in Gefangenschaft leben. Bewusst verzichtet sie dabei auf die Darstellung von Personen.
Gefangenschaft impliziert, dass der gelebte Raum abgeschlossen, funktional und überschaubar ist; nicht Persönlichkeitsentfaltung ist das Wesen des Strafvollzugs, sondern ihre Begrenzung. Während der freie Mensch seine Aufenthaltsorte wählen und wechseln kann, ist der Gefangene seinem räumlichen Umfeld – der Architektur, der Einrichtung und der festgelegten Nutzungsart der Räume – vollständig ausgeliefert.
Die Grenzen der Entfaltung spiegeln sich auch in der Ausstattung der Gefangenen wider. Die persönliche Bekleidung wird gegen einheitliche Anstaltskleidung getauscht und macht alle Gefangenen äußerlich gleich. Die eigene Kleidung – in Freiheit ein wichtiger Ausdruck von Individualität – hängt die Haftzeit lang am Haken.
Ebenso uniform und schlicht ist die Grundausstattung für das tägliche Leben: Decke, Betttuch, Schlafanzug, Pantoffeln, Geschirr und Essbesteck. Die gesamte Ausstattung ist wie die finanziellen Mittel im Strafvollzug auf das Mindeste reduziert. Diese Reduktion betrifft nicht nur die Versorgung der Gefangenen, sondern auch den umfangreichen Verwaltungsapparat. Häufig sind Materialien abgenutzt, auch antiquiert. Die Fotografien von Kerstin Zillmer fangen diese Details ein und wirken dadurch wie Bilder aus einer Unzeit. Diese Knappheit spiegelt sich ebenso in der Sprache: “Freizeit mit kurzem Arm” steht auf einer Kiste in der Wäschekammer, gemeint sind kurzärmlige Freizeithemden. Allein die Aufschrift “Friseur” auf einem Stuhl macht eine leere Zelle zum Frisiersalon, während die dicke Mauer, die Form des Fensters und die Kargheit des Raums eher an eine Klosterzelle erinnern. Der Besuch beim Frisör reduziert sich zum schlichten Akt des Haarekürzens.
Der freie Mensch grenzt sich von der Außenwelt ab, um sich zu versammeln, sich selbst zu erfahren: ein existenzieller Prozess, um die eigene Identität zu bewahren. In Gefangenschaft, wo die enge “Außenwelt” unwirtlich funktional und vielfach aggressiv ist, bildet die Zelle den einzigen Rückzugsort. Die Sicherheitsbestimmungen beschränken auch hier die Gefangenen: Jede Zelle muss von außen einsehbar und überschaubar sein, sie darf von den Vollzugsbeamten jederzeit geöffnet werden – auch wenn das Bedürfnis der Inhaftierten nach Privatheit im Allgemeinen respektiert wird.
Selbst die gestalterische Freiheit in diesem begrenzt privaten Raum ist eingeschränkt. Offiziell bietet nur eine hölzerne Bilderleiste über dem Bett Platz für die persönlichen Gestaltung. Wie viel Gestaltungsspielraum einem Gefangenen darüber hinaus zugestanden wird, hängt von seiner “guten Führung” und dem Wohlwollen der Stationsbeamten ab.
Kerstin Zillmer veranschaulicht mit ihren Fotografien unterschiedlich gestalteter Zellen den individuellen Umgang der Inhaftierten mit dem Gefangensein. Die Bilder beschreiben auch die Haltung des Gefangenen zu seinem Aufenthaltsort: eine kahle Zelle, in der das Nichtgestalten als ein Ausdruck der Verweigerung gedeutet werden kann. Oder die üppig dekorierte Zellentoilette, als wolle der Gefangene damit ihre Existenz in seinem Ess-, Wohn- und Schlafraum vergessen machen. In allen Zellen fallen die schlichten dekorativen Mittel auf: Zeitschriftenbilder, Pin-Ups, persönliche Fotos, Postkarten. Jedes Extra muss selbst organisiert werden. Die selbst gebauten Hanteln eines Inhaftierten verweisen das dringend benötigte Improvisationsgeschick der Gefangenen.
Die Zellentrakte wirken ärmlich und veraltet; die gedeckten Farben dämpfen die Atmosphäre, die Flure wirken wie ein Schlund. Eine Dekoration der Zellenflure ist im Etat nicht vorgesehen. Es hängt vom Engagement und den Vorstellungen des einzelnen Bereichsleiters ab, ob und wie gestaltet wird. Oft zieren nur ein Plakat, Bilder von Gefangenen oder eine von Bediensteten mitgebrachte Pflanze den Zellentrakt.
Die Stärke der Fotografien von Kerstin Zillmer liegt gerade in der sachlichen Vermittlung der Bedingungen im Strafvollzug. Sie geben den Blick frei auf die Welt der Gefangenen, die dem Betrachter anders verschlossen bliebe. Die Fotografin schafft ein Bild, das, fern einer Wertung, die Auseinandersetzung mit Gefangenschaft ermöglicht. Eben dadurch, dass sie auf die Darstellung von Personen verzichtet, ermöglicht sie dem Betrachter das Sich-Hineinversetzen in ein Leben in Gefangenschaft. Kerstin Zillmer lenkt mit ihren Bildern den Blick auf das, was Freiheitsentzug in Wirklichkeit ausmacht.